Holger

OMG ..... was für ein Tag, erst mein Redakteur und dann auch noch Holger, den ich völlig vergessen hatte. Seit Urzeiten habe ich doch den *Fiat 500 Freunden Main-Taunus* versprochen, alle ihre Mitglieder zu interviewen, um ihren Weg zu den kleinen 'Knutschkugeln' zu erfahren.

Kleinlaut rufe ich also Holger an und habe seine Frau Sylvia am Telefon. "Wenn du kommst, bring' ein paar Flaschen bleifreies Bier mit, dann wird's nicht so schlimm für dich", sagt sie und ich höre das Schmunzeln in ihrer Stimme.

Bei Holger angekommen, versuche ich mit Entschuldigungen mein Versäumnis zu bereinigen, doch er nickt nur, nimmt mir das Bier aus der Hand und wir setzen uns.

Nach einem guten Schluck frage ich, "also mein Lieber, wie bist du denn zu einem solchen außergewöhnlichen Hobby gekommen, denn nach deiner Körperlänge zu urteilen, könnte es unter dem Faltdach schon recht eng werden?"

"Da muss ich jetzt erstmal 35-Jahre zurückdenken, der Verursacher war wohl mein Bruder. Er hatte die kleinen 500er aufgemotzt und ich hab' ihm dabei geholfen. Damit hat eigentlich alles angefangen, mein Interesse war geweckt. 6-7 Jahre später sah ich dann in Kronberg einen alten 600er hinten in 'ner Halle, sozusagen ein 'Scheunenfund', den ham dann mein Bruder und ich komplett restauriert."

Ich staune Bauklötze, das habe ich nicht erwartet, denn Holger hat eigentlich einen ganz anderen Beruf. Ja, er arbeitet zwar mit Metall, ehemaliger 'Rotfabriker', -Sanitär und Heizung-, aber das ist doch was anderes.

"Hm, und wie hast du dir die ganzen Fachkenntnisse dafür angeeignet", will ich wissen, "oder warst du nochmal bei einem Schrauber in der Lehre?", füge ich scherzhaft hinzu.

"Neee", erwidert Holger, "mein Bruder ist Kfz-Meister, war im 500-Fiat Verein und hat mir alles an Kniff's und Trick's zu den Kleinen gezeigt. Zudem sind die ja wirklich leicht, ich erinner' mich noch an so 'nen kleinen mit Streifen, den hab' ich im dicksten Winter mit 'nem Freund in der Garage auseinandergenommen. Wir waren nur zu zweit und haben ihn auf die Seite gelegt, damit ich den Kabelstrang demontieren konnte; nur 6-Kabel, war ein Kinderspiel."

Hoppla, sind meine Gedanken, hier bin ich wohl an den echten Fachmann geraten; ganz anders als bei Autorin Völkel, die solche Aufgaben sicherlich von ihrer Werkstatt erledigen lässt.

"Wie hast du dein Hobby in den stressigen Beruf integrieren können", staune ich.

"Kein Problem", erwidert er, irgendwie hat es schon gepasst mit den vielen Kleinen und angefangen hat es wohl auch mit den 'Autobianchi Bianchina' der Stadt Frankfurt. Mit diesen wurden anfänglich noch die Gaslaternen abgefahren, um diese mit Hakenstangen hell zu schalten. Nach der Umstellung auf Elektrik hat man dann alle Auto's ausgemustert. Ich hab‘

2 von den Kleinen aus Bayern retten können", grinst er.

Vor mich hin lächelnd sage ich, "so eine Rettungstat war sicherlich nicht einfach" und frage "nur 500 und 600, oder hast du noch andere Oldtimer 'retten' können?"

Jetzt ist Holger in seinem Element, ich kann gar nicht so schnell mitschreiben, wie er mir aus der Vergangenheit berichtet, welche Auto's noch gefahren oder restauriert wurden.

Da gab es einen '1100 Familiare Kombi', den dunkel- oder hellgrünen 600er von Bj. 57, ein '238er Bus-Wohnmobil', den süßen blau-metallic 500er, ein 70er Jahre Cabrio 'Pop' vom Teilemarkt in Niederolm, den polnischen 'Maluch 126', die mausgrauen und roten 500er Kombi's 'Giardinera'.

Holger verstummt, denkt nach und ich sage, dass er mir nicht alle nennen müsse. Auch ich könne mich nur noch an mein allererstes Motorrad erinnern, die 250er Yamaha 2-Takt, aber nicht an alles, was danach kam.

Jetzt steht er auf und winkt mich zu einem altertümlichen Anhänger und einem Fiat Ducato mit H-Kennzeichen. "Das ist mein größter Oldtimer", meint er scherzhaft. "Ich war halt immer schon ein Bastler, aber nur sporadisch und wenn es keine Auto's gewesen wären, dann sicherlich irgendetwas anderes technisches."

Dann berichtet er mit einem Leuchten in den Augen von den unzähligen Touren mit den Fiat Freunden...die Schwarzwald Tour, nach Dortmund, in den Harz oder nach Kiel.

Ich verstehe ihn vollkommen, das ist eine Leidenschaft, die nie erloschen ist!

Wir gehen wieder zu unserem Sitzplatz und mir fällt beim Hinsetzen der Motorradschlüssel aus der Hosentasche. Ohne, das ich es merke, angelt sich Holger den Schlüssel, hält ihn in die Höhe, "ist das deiner?", will er wissen.

Er habe da eine nette Anekdote hinsichtlich verlorener Schlüssel, deshalb würde er vor den Türkei-Urlauben grundsätzlich alle Schlüssel kontrollieren und diese bei Bedarf dort nachgemacht werden.

"Ich hab' mal einen 600er restauriert", erzählt Holger, "und wollte mit ihm wegen der tollen Lackierung zum Teilemarkt nach Niederolm fahren. Einen Tag vor dem Termin war der Zündschlüssel nicht mehr zu finden und einen Ersatzschlüssel gab's auch nicht. Was für eine Blamage, ich seh' noch heut', wie die Kerle gefeixt ham", sagt er.

Wir beide grinsen uns an, "du könntest ja fast ein Buch schreiben mein Lieber", sage ich und denke daran, wie oft er sich schon die Finger verbogen haben muss, bei den vielen Restaurationen.

Nun drehe ich den Kopf zu Sylvia, Holgers besserer Hälfte und frage sie, ob er oft mit schmutzigen Fingern zu Essen angetreten sei. Sie lacht und informiert mich, dass sie mit ihm gleichziehen würde. "Ich hab' doch auch so einen Kleinen", und berichtet von den Parkplatzproblemen an ihrem ehemaligen Arbeitsplatz. "Bei den Touren bin ich dabei und auch bei den alljährlichen Treffen der Fiat-Freunden, die jetzt leider erstmal, Pandemie-bedingt, ausfallen." Allerdings sei sie momentan nicht mit einem Oldie unterwegs, ihre Augen fliegen zu Holger, weil der ihn erst noch reparieren müsse; der 3te Gang springe ständig raus und die Auspuffbleche klapperten.

"Aha", sage ich und frage nach den Oldtimern, die sie bisher bewegen durfte. "Mal überlegen, da war doch der 126er Fiat und außerdem mein heißgeliebter Renault R 4 mit durchgehender Sitzbank vorne. Ach ja, eine Peugeout 504 gab's auch noch." Sie erzählt mir von der Tour in den Harz und berichtet lächeln von der ' Frostbeule an der Nase', weil die Heizung des 'Pop Cabrios' defekt war. Aktuell sei sie meist mit einem neuen 500er Fiat unterwegs und nur an den Wochenenden mit einem Oldtimer.

Meine Herren, was hier an motorischem Wissen vorhanden ist, Respekt, da zieh' ich den Hut!

Wahnsinn, ich hätte noch Stunden hier sitzen können ... Aber ... ein Blick auf die Uhr und ich denke pflichtschuldigst an meine 2te Aufgabe, die zu Hause noch wartet.

"Wenn du Zeit und Lust hast, kannst du gerne wiedermal auf 'nen Schwatz vorbeikommen", lädt Holger mich ein.

"Ein Mann ein Wort, das mache ich gerne, aber vorher will ich ja noch die anderen Mitglieder der *Fiat 500 Freunde Main-Taunus* besuchen, um deren Geschichte zu erfahren."

 E.D.M. Völkel

Wir hatten es ja bereits angekündigt, unsere Mitglieder mal befragen zu lassen, wie sie zu ihrem Hobby gekommen sind, ihrer Knutschkugel, dem Fiat 500 und was sie mit dem kleinen Kultfahrzeug verbindet.

An so einem wolkenverhangenen Tag will eigentlich niemand vor die Türe, aber ich bin mit Eva Völkel von den -Fiat 500 Freunde MainTaunus- verabredet, ein Glück, dass sie sich mal vom Schreiben ihres neuen Thrillers lösen kann.

E.D.M. Völkel schreibt regionale Krimis im Hoch- und MainTaunus Kreis und liebt, wie sie mir gesagt hat, ihre beiden 500er Fiats. Ihr Ferrari-Rot lackierter Oldtimer, Baujahr 75, wartet derweil auf das erste Orgeln vom Anlasser und steht gut eingemummelt in der Garage.

„Hallo Eva, kann ich dir mal ein paar Fragen zu deinem „Liebling“, dem 500er Fiat, stellen?“

„Na klar doch, aber du musst wissen, dass meine Oldtimer Namen haben, schon der erste hieß -Lieschen- und die Kleine hier hat auch diesen Namen.“

„Ach ja, gut zu wissen, aber bevor wir jetzt die Decke lüften:

Wie bist du eigentlich Fan von der kleinen Knutschkugel geworden?“

„Da muss ich etwas ausholen, denn mein erstes Auto war auch so ein Kleiner, den ich damals echt liebgewonnen habe. Denn wer hatte nach der Ausbildung viel Geld? Mit 400,- D-Mark am Monatsende musste es etwas Günstiges sein, Klein – Fein – Mein und bezahlbar! Allerdings war es was Besonderes, das erste Lieschen, mit seinen Selbstmördertüren und dem Rolldach.“

„Selbstmördertüren? Rolldach? … Das musst du den Lesern jetzt aber mal näher erklären!“

„Also, normalerweise sind Autotüren vorn am Holm befestigt. Man kann die Tür nur ein wenig öffnen und dann einsteigen. Selbstmördertüren, witziger Name, der es aber genau trifft. Sie sind am Mittelholm angeschlagen und gehen zum Verkehr auf. Das bedeutet, ich muss die Tür weit öffnen um ein- oder auszusteigen. Bei den engen Parkplätzen heutzutage wär‘ das sicherlich kein Vergnügen. Das Rolldach, hm, wie erklär‘ ich das am besten. Also erstmal, nix mit elektrisch, wie mein dritter 500er Baujahr 2019, sondern da war noch echte Handarbeit gefragt. Erst vorn die Spange lösen, nach hinten rollen und dann mit 2 Klammern über der Motorabdeckung fixieren.“

„Hoppla, rollen? Was hast du mit dem Fenster hinten gemacht, war das rausnehmbar?“

„Nein, nein, das war aus Kunststoff und wurde mit eingerollt.“

„Was für Strecken durfte dein Lieschen so zurücklegen, nur zur Arbeit oder auch für den Urlaub in Italien?“

„Seufz, tja, seine Heimat hat es mit mir nie gesehen, wäre auch zu teuer gekommen; Nord- und Bodensee waren meine bevorzugten Regionen. Denn sie war ja auch nicht besonders schnell, meine Kleine, 80 Stundenkilometer, mit angelegten Ohren auch mal 90. LKW überholen auf der Autobahn nur bergab, sonst immer schön im Windschatten.“

„So, so, dass warn wohl noch die -guten alten Zeiten-?“

„Jaa, das kann man so sagen und deshalb geh’n wir jetzt mal zum Lieschen in die Garage.“

„Hut ab, sieht echt toll aus, leuchtet richtig, die Farbe Ferrari-Rot. Ach, und als Erinnerung steht hinten auf dem Fenster: -Die guten Zeiten sind vorbei!-“

Eva lächelt jetzt verschmitzt, als sie antwortet: „Eigentlich nicht, denn mit der Kleinen unterwegs zu sein, ist ein echtes Vergnügen. Mein Mann, der sich die Knutschkugel im Sommer ab und an ausleiht, ist der gleichen Ansicht: Lieschen -entschleunigt- ungemein in dieser hektischen Zeit. Ob ich allein unterwegs bin, wir beide oder mit den Fiat Freunden einen Ausflug machen, da ist nix mit -schnell-schnell. Ich genieße das richtig, denn oft kommen mir beim Fahren durch den schönen Taunus die besten Ideen, die dann selbstverständlich auch mit dem einen oder anderen Aspekt meine Bücher bereichern, zum Beispiel das -Dettenbach Tal- in der Nähe von Heftrich. Allerdings muss ich zugeben, dass das neue Lieschen etwas flotter daherkommt, ich hatte bergab auch schon mal den Zeiger auf der 110 stehen.“

Ich stehe und staune, umrunde das kleine Fahrzeug wie ein Riese den Zwerg, lasse mir den Motor zeigen, die Fronthaube öffnen und schaue mir den spartanischen Innenraum an. „Für wieviel Personen ist sie zugelassen?“

„Eigentlich könnten 5 Leute darin Platz nehmen, aber von deiner Länge eher nicht. Hhmm, vielleicht lernst du mein Lieschen besser kennen, wenn wir eine Runde fahren, über Schloßborn und nach hierher zurück, hast du Zeit“?

Ich bin geplättet und willige freudig ein; es ist zwar nicht so leicht mit meinen 1,84 m, aber irgendwie schaffe ich es dann doch. Mit dem Kopf unterm Dach und erstem munteren orgeln in 2021 springt die Kleine schließlich an. Noch ein paar Handgriffe von Eva, die Kupplung ruckt und wir setzen uns langsam in Bewegung … ich bin gespannt, ob ich genauso „entschleunigt“ die Heimreise antrete, wie sie mir prophezeit hat